Heiko Burkardsmaier
Ehrenfilmpreisträger 2024

Heiko Burkardsmaier (54), VFX Executive Producer und Head of Business/Legal Affairs bei Accenture Song VFX in Stuttgart, wird mit dem diesjährigen Baden-Württembergischen Ehrenfilmpreis ausgezeichnet.
Der in der baden-württembergischen Landeshauptstadt lebende und wirkende Heiko Burkardsmaier hat, wie kein zweiter, den VFX-Standort Stuttgart wirtschaftlich und künstlerisch geprägt und maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Branche in der Region eine europaweite Spitzenposition einnimmt. Heiko Burkardsmaier und seine Teams kreieren für Hollywood-Blockbuster sensationelle visuelle Effekte und ernten für ihre kreative Präzisionsarbeit Made in Stuttgart internationale Filmpreise, darunter einen Oscar, mehrere Emmys und zahlreiche Emmy-Nominierungen.
Der undotierte Ehrenilmpreis wird bei der 30. Filmschau Baden-Württemberg im Rahmen der Preisverleihung am Sonntag, 8. Dezember 2024, in der Dürnitz Kulturlounge im Alten Schloss in Stuttgart vergeben. Mit der Auszeichnung werden Menschen geehrt, die den Medien- und Filmstandort Baden-Württemberg mitgestalten, durch ihre Arbeit nachhaltig unterstützen und einen wichtigen Beitrag zur Wahrnehmung des Standortes auch über die Landesgrenzen hinaus leisten.
Als ausgewiesener Stratege für den Wachstumsbereich Visual Effects gehört Heiko Burkardsmaier zu den führenden Köpfen im internationalen VFX-Geschäft, der dennoch seinen Lebensmittelpunkt Stuttgart nie in Frage gestellt hat. Seine Trophäensammlung und die Filmografie der VFX-Leistungen sind ein herausragendes Beispiel für die Innovationskraft seiner Heimatstadt.
Nach Abschluss seines Jurastudiums bewährte sich Burkardsmaier zunächst bei EM.TV in München als Legal Counsel in der Rechtsberatung und bei der EuroArts-/Medici-Gruppe. Ab 2008 leitete er den Standort Stuttgart der international ausgezeichneten VFX-Spezialisten Pixomondo und verantwortete obendrein weltweit den Bereich Legal Affairs. Weitere Stationen seiner Laufbahn sind Mackevision Medien Design GmbH in Stuttgart und nunmehr Accenture Song VFX in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, wo der renommierte Experte für internationale VFX-Verträge an der Spitze einer Abteilung für visuelle Effekte steht. Unter seiner Ägide wurden in Stuttgart für mehrere preisgekrönte Spielfilm- und TV-Projekte herausragende Tricks realisiert. So für Martin Scorseses Oscar- prämierten 3-D-Abenteuerfilm ‚Hugo Cabret‘, die Emmy-prämierte HBO-Serie ‚Game of Thrones‘, die Emmy-prämierte Fantasy-Serie ‚Shadow and Bone‘, die Netflix-Fantasy-Serie ‚Avatar – Der Herr der Elemente‘. Weitere Nominierungen gab es für ‚Lost in Space‘, ‚Wächter‘ und ‚Die Nevers‘. Auch für Filme wie ‚Elser – er hätte die Welt verändert‘, ‚Hindenburg‘, ‚Die Gustloff‘ oder ‚Independence Day – Die Wiederkehr‘ sowie ‚Girl You Know It’s True‘ schufen seine Teams historische und fantastische Kulissen und Effekte.
Der regional und international bestens vernetzte Preisträger ist Dozent an der Filmakademie Baden-Württemberg, Berater im Studiengang Audiovisuelle Medien an der Hochschule der
Medien in Stuttgart (HDM), Mitglied des Vorstands der ‚Sektion Animation‘ der Deutschen Produzentenvereinigung (ProduzentenaIlianz Deutschland) und Mitglied der Deutschen Filmakademie sowie bei den Animation Media Creators Region Stuttgart.

Geschichten aus Baden-Württemberg heraus filmisch zu erzählen und Kreativen auch hier eine Möglichkeit für ihr Tun zu geben ist so wichtig
Ehrenpreisträger Dieter Krauß im Gespräch mit Hans-Peter Jahn für den Katalog zur 28. Filmschau Baden-Württemberg 2022
Dieter Krauß ist ein leidenschaftlicher Cineast und ein Baumeister der Filmkultur und Filmkunst im Südwesten. Wie bewertet er den Filmstandort heute? Gab es einen dramaturgischen Tiefpunkt in seiner Filmlaufbahn? Wollte er auch eigene Filme drehen? Und welche Lieblingsfilme schaut er sich immer wieder gerne an. Das alles und viel mehr verrät Dieter Krauß im Interview.
Zunächst herzlichen Glückwunsch zum diesjährigen Baden-Württembergischen Ehrenfilmpreis. Eigentlich bist Du schon seit wenigen Wochen im Ruhestand. Doch nun gehst Du in die Verlängerung. Bis Mai 2023 wirst Du den Interims-Geschäftsführer der Film- und Medienfestival gGmbH, Uwe Schmitz-Gielsdorf, beratend unterstützen. Vor der Interims-Lösung schrieb die Presse von der kopflosen Film- und Medienfestival gGmbH. Was war los?
Dieter Krauß: „Ulrich Wegenast hat sich für eine neue Aufgabe entschieden und für mich begann der Ruhestand. Bei der Nachfolge der Geschäftsführung hat sich alles verzögert. Bis kommenden Mai versuchen Uwe Schmitz-Gielsdorf und ich gemeinsam eine dauerhafte Nachfolge zu etablieren. Durch die Ausschreibung der Geschäftsführung sollen auch neue Inspirationen und Aspekte einfließen sowie fixiert werden, wie die Gesellschafter der Film- und Medienfestival gGmbH eine stabile Zukunft für das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart und Raumwelten gestalten wollen. Seit 2019 waren Ulrich Wegenast und ich mit den Gesellschaftern im Gespräch über eine Weiterentwicklung von Profil und Positionierung des Internationalen Trickfilm-Festivals in Stuttgart. Das wollen wir nun mit der Ausschreibung auf den Weg bringen. 2023 wird ein Brückenjahr. Wir müssen die Rahmenbedingungen klären, damit das Trickfilmfestival für die nationale und internationale Branche sowie das breite Publikum aus Stuttgart und der Region erhalten bleibt. Die Finanzierung ist schwieriger geworden, weil die Kosten explodiert sind. In 2023 soll das Festival dann dauerhaft zukunftsfähig aufgestellt werden. Die ganze Animationsbranche ist extrem vielfältig und dynamischer geworden. Der Standort für Animation und Visuelle Effekte will weiterhin im internationalen Top-Niveau mitspielen. Da ist ein Filmfestival als Plattform der Präsentation enorm hilfreich. Das Internationale Trickfilmfestival in Stuttgart ist ein Schaufenster in beide Richtungen, wie alle Filmfestivals. Da kann die regionale und nationale Branche in die Welt schauen und sich gleichzeitig der Welt präsentieren. Zusammen mit der FMX und dem Animation Production Days ist das eine große Chance und das wollen wir dauerhaft stabilisieren. Die Herausforderungen liegen im inhaltlichen, im qualitativen und strukturellen Bereich, weil sich viel getan hat, sich weiterhin viel tun wird und man jetzt genau hinschauen muss, wo man Schwerpunkte setzt und wie man das finanziell aufstellen kann. Die Lage der öffentlichen Haushalte ist allgemein angespannt und wir hoffen, dass die Politik den Animationsstandort weiterhin für wichtig hält und zusammen mit dem Festival unterstützt.“
Ist die sehr gute Position des Animationsstandorts in Gefahr?
Dieter Krauß: „Animation und Visuelle Effekte haben sich in Baden-Württemberg in den letzten beiden Jahrzehnten super entwickelt. Andere Bundesländer hatten sich anfangs auf die klassischen Bereiche der Film- und Kinowirtschaft konzentriert, während Baden-Württemberg voll auf diese ‚Nische‘ setzte und sich gut positioniert hat. In der Zwischenzeit haben aber die anderen Bundesländer – etwa Bayern – erkannt, was in Animation und Visual Effects steckt und haben diesen Bereich mit sehr breiten finanziellen Mitteln gefördert. Was ich damit sagen will: Die Landespolitik tut gut daran, dies genau zu beobachten. Durch eine Stagnation der Fördermittel in diesem Bereich könnte Baden-Württemberg letztendlich Terrain verlieren und andere Bundesländer uns Aufträge wegnehmen.“
Ist die ganze Filmbranche im Land an einer Weggabelung angekommen? Filmfreunde sprechen von einem mageren Filmjahr.
Dieter Krauß: „Das ist ein extrem komplexes Thema. Die Arthaus-Kinos haben momentan große Zuschauerprobleme und es wird befürchtet, dass dies nicht nur von kurzer Dauer ist. Diese Entwicklung beeinflusst den gesamten Produktionsprozess, also auch die Inhalte der produzierten Filme. Werden kultur- und gesellschaftspolitisch relevante Inhalte weniger gefragt, werden weniger solche Filme hergestellt. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass die Politik sehr genau hinschaut und ich kann nur hoffen, dass sie die Filmbranche unterstützt und den kultur- und gesellschaftspolitischen Fokus im Auge behält. Während der Pandemie hat die Politik zwar die Strukturen für Filmproduktion und Kino erhalten. Es geht aber auch um den Content, um kultur- und gesellschaftspolitisch relevante Inhalte.“
Inzwischen liegen erste Ergebnisse einer Studie des Zentrums für Medienkompetenz der Universität Tübingen vor. Die Medien berichten, dass die Region im Bundesvergleich bei der Produktion von Fernsehsendungen, Kinofilmen und Serien bisher immer noch keine große Rolle spielt. 2021 kam aus Baden-Württemberg nur ein Prozent; Berlin-Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Hamburg lieferten insgesamt 88 Prozent. Baden-Württemberg, so die Studie weiter, habe mit 16 Millionen Fördergeld das genannte eine Prozent geschafft; Bayern mit der doppelten Fördersumme sei dagegen auf 22 Prozent gekommen.
Dieter Krauß: „Ich habe die Studie noch nicht gelesen (Anm. d. Red.: zum Zeitpunkt des Interviews) und will nicht immer alles aufs Geld reduzieren; aber es spielt nun mal eine große Rolle. Berlin-Brandenburg, Bayern und Nordrhein-Westfalen können jeweils 45 Millionen Fördergeld ausgeben. Die MFG Baden-Württemberg hat 16 Millionen. Wird mehr Fördergeld eingesetzt, entsteht eine Struktur als Filmstandort, der dann wiederum auch von Bundesmitteln profitiert. Logisch, dass der Großteil der Bundesmittel von den Bundesländern abgegriffen wird, in denen eine quantitativ und qualitativ bessere Struktur vorhanden ist. Damit entsteht ein Hebeleffekt. So sieht es für Baden-Württemberg deutlich schlechter aus.“
Es ist zwar noch Luft nach oben, so die Medien, aber Baden-Württemberg ist ein lebendiges Filmland. Wagst Du einen Blick in die Zukunft?
Dieter Krauß: „Nein, das kann ich nicht beantworten. Es ist sehr gut, dass wir die Filmakademie Baden-Württemberg haben, die das ganze Spektrum des Films abdeckt. Sie ist eine der bedeutendsten Nachwuchsschmieden in Europa. Ich bedauere jedoch, dass viel zu wenige Absolvent*innen in diesem breiten Spektrum nachhaltig in Baden-Württemberg bleiben. Bei der Animation sieht es etwas besser aus, weil hier ein Schwerpunkt liegt und es mehr Arbeitsmöglichkeiten gibt. Es wäre schade, wenn auf Dauer in den anderen Bereichen wie Real- oder Dokumentarfilm nur ein kleiner Bruchteil oder gar nichts hier bleibt. Geschichten aus Baden-Württemberg heraus filmisch zu erzählen und Kreativen auch hier eine Möglichkeit für ihr Tun zu geben ist doch so wichtig.“
Du bist ein engagierter Kämpfer, wenn es um die Filmkultur geht, und dennoch ein Mensch, der Ruhe ausstrahlt und mit klarem Blick das Schiff auf Kurs hält. Gab es in den zurückliegenden vier Jahrzehnten Situationen, an denen auch Du verzweifelt bist?
Dieter Krauß: „Ich kann schon verbal auf den Tisch hauen und es gab vor etwa zwölf Jahren tatsächlich eine Situation, die mich aus der Fassung gebracht hat. Damals war das Kommunale Kino in Stuttgart pleite. Schon Jahrzehnte davor kämpfte ich im Landes- und Bundesverband der Kommunalen Kinos dafür, dass die Filmkultur den gleichen Stand gegenüber den anderen Kulturangeboten hat. Zur Schließung des Kommunalen Kinos in Stuttgart gab es eine Podiumsdiskussion im Literaturhaus. Ich saß auch auf dem Podium, neben Andreas Hykade und der damaligen Kulturdezernentin der Stadt Stuttgart, Susanne Eisenmann. Da ist mir so richtig bewusst geworden, dass ich nach all den Jahrzehnten der kulturpolitischen Arbeit, die eigentlich genau das verhindern sollte, was jetzt in einer der reichsten Landeshauptstädten Deutschlands passiert, ein bisschen ermattet war. Da wird ein Kommunales Kino sang- und klanglos zugemacht. Selbstkritisch fragte ich mich, was haben wir in den letzten Jahrzehnten falsch gemacht? Wie kann so etwas passieren? Für mich war das ein Wendepunkt. Und dann kam immer wieder Susanne Eisenmanns Standardspruch: ‚Ich sehe keine Lichterketten für ein Kommunales Kino in Stuttgart‘. Furchtbar, einfach nur furchtbar.“
Nun soll es in Stuttgart ein Haus für Film und Medien geben. Eine Versöhnung?
Dieter Krauß: „Das macht mir die allergrößte Freude und wieder Mut. Das wird ein Haus mit Leuchtturm-Charakter, weit über Deutschland hinaus. Hoffentlich wird es auch andere Kommunen und öffentliche Träger motivieren, sich verstärkt um solche Häuser und Kommunale Kinos zu kümmern. Es sind Orte in öffentlicher Trägerschaft, die befreit sind von kommerziellen Zwängen und sich der Filmkunst und der Filmkultur in der ganzen Breite, mit allen Anwendungsmöglichkeiten widmen.“
Du bist auch aktiv in der AG Filmfestivals, in der über 120 deutsche Filmfestivals – von der großen Berlinale bis zum kleinen, aber genauso wichtigen Dokumentarfilm-Festival Karlsruhe – vertreten sind. Auch die Filmfestivals stehen vor großen Herausforderungen. Welche Chancen siehst Du?
Dieter Krauß: „Was den Wert der Festivals für Bevölkerung und Branche angeht, bin ich grundsätzlich optimistisch. Im zweiten Halbjahr 2022 gibt es schon Anzeichen dafür, dass sich die Filmfestivals besser als die Arthaus-Kinos erholen. Für Filmkunst und kulturell wichtige Filme sind die Filmfestivals immer wichtiger geworden. Sie sind für viele Filme der einzige Abspielort geworden. Wesentlich ist doch, dass Filme, die z.B. hier gefördert und produziert werden, auch beim Publikum landen und so eine Kommunikationsmöglichkeit entsteht – optimal vor der Leinwand. Wenn das aber in den Kinos nicht mehr funktioniert, was leider zunehmend zu beobachten ist, gewinnen Filmfestivals immer mehr an Bedeutung, um diese Kommunikation für eine breite Diversität und Vielfalt, für Filmkunst und Filmkultur, national und international, aber auch eine wirtschaftliche Relevanzherzustellen.“
Welche Köpfe, welche Filme braucht das Land?
Dieter Krauß: „Bei den Köpfen wünsche ich mir politische Persönlichkeiten wie z.B. vor über zwanzig Jahren Christoph Palmer, so wie ich ihn erlebt habe in meiner Anfangszeit bei der MFG Filmförderung. Politischer Wille braucht kreativ-engagierte Köpfe und der Landespolitiker Christoph Palmer schaffte es über Parteigrenzen hinaus, Zustimmung für einen Filmstandort Baden-Württemberg zu bekommen. Er konnte perfekt sowohl wirtschaftliche Relevanz als auch die immense kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung des Films und artverwandter Medien überzeugt und überzeugend vermitteln. Ich wünsche mir, dass es von diesen Köpfen in ganz Deutschland noch mehr gibt. Alles andere ergibt sich danach. Wenn es die richtigen Köpfe sind, werden sie auch die richtigen Inhalte und Strukturen schaffen. Von der Ausbildung über die Produktion bis zum Publikum, bis zum Kino, in dem die Menschen Filme anschauen und kommunizieren. Damit wünsche ich mir Filme, die gesellschaftlich relevante Themen transportieren. Das soll ganz bestimmt kein Schulfernsehen sein. Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme, die einfach zum Nachdenken inspirieren, die kreative Lebenswelten reflektieren sowie erlebnis- und erkenntnisbezogen Werte vermitteln, die für eine menschliche Gesellschaft wichtig sind.“
Schlagen wir die erste Klappe im Biopic über Dich. Was trieb Dich vor über vier Jahrzehnten an und in welchem Zustand befand sich das Filmland Baden-Württemberg?
Dieter Krauß: „Meine ‚Filmkarriere’ begann mit der Gründung eines Filmclubs. Siebziger Jahre in meiner Heimatstadt Villingen bedeutete damals, dass die örtlichen Kinos nur Mainstream und vermeintliche Blockbuster zeigten – aber das hat zumindest Lust auf Kino gemacht, auf große Leinwand, faszinierendes Gemeinschaftserlebnis. Aber zum Glück gab es damals noch ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das noch ohne private Konkurrenz Filme abseits des Mainstreams präsentierte, Filmgeschichte, Avantgarde und so weiter. Begeistert entdeckte ich dort die Nouvelle Vague und ähnliche Entwicklungen aus anderen Teilen der Welt. Besonders fasziniert war ich von Luis Bunuel und Carlos Saura, deren Filme in andere Realitäten, ins Surreale führten – Geschichten, die mehr Fragen stellten, als Antworten gaben, diese surreal provozierten Fragen offenließen, kreatives, teilweise philosophisches Nachdenken anregten, wenn man Lust darauf hatte. Dabei entstand bei mir der Wunsch, das dringende Bedürfnis, dieses Nachdenken in gemeinschaftlicher Kommunikation fantasievoller und inspirierender zu gestalten. Da es diese Räume mit diesen Inhalten damals nicht gab gründete ich kurz entschlossen mit einigen Gleichgesinnten einen Filmclub. Ich entdeckte dabei die damals mir noch unbekannte, weil auch noch junge Bewegung Kommunaler Kinos. Mit maßgeblicher Beratung durch Willi Karow und dem Kommunalen Kino in Freiburg wurde nun auch in Villingen-Schwenningen ein Kommunales Kino auf den Weg gebracht, das Anfang Oktober dieses Jahres den 40. Geburtstag feiern konnte. Mit der aktiven Filmemacherszene im Land kam ich dann erst in den darauffolgenden Jahren in Kontakt, mit den jungen Filmemachern, die damals bei uns ihre Filme zeigen wollten: Nico Hofmann, Jan Schütte, Gordian Maugg, die Medienwerkstatt Freiburg mit Miriam Quinte, den Danquart-Brüdern, Jonnie Döbele und Hannelore Kober, um nur einige wenige zu nennen. Diese ersten Kontakte standen auch in Verbindung mit der Gründung des Filmbüros Baden-Württemberg, erste Versuche von jährlichen Filmschauen und Sichtungsveranstaltungen dazu, die auch in Villingen stattfanden – ein intensiverer Kontakt zur noch sehr überschaubaren Filmemacherszene im Land entstand aber dann, als ich ins erste Vergabegremium zur Filmproduktionsförderung beim Kunstministerium berufen wurde.“
Eigentlich bist Du Geburtshelfer, feste Säule, Förderer, Motor, Gönner und Genießer der heutigen Filmszene Südwest. Welche waren in den vergangenen vier Jahrzehnten Deine großen Meilensteine?
Dieter Krauß: „Okay, ich versuch’s und hoffe, dass ich mich nicht in zu viele Meilensteinchen verliere: Der erste große Meilenstein war sicherlich die beschriebene Entdeckung des Kinos als Ort einer großen, besonderen ästhetischen Faszination, einer Innovation der eigenen Wahrnehmung, eines inspirierenden Gemeinschaftserlebnisses, einer wichtigen Möglichkeit der Auseinandersetzung, Kommunikation. Darauf folgte die Erfahrung, dass Bewegtbild schon damals – heute natürlich noch viel mehr – in herausragender Weise kulturprägend ist und deswegen neben den klassischen Kunst- und Kulturbereichen eine ebenfalls öffentliche, gesellschaftspolitische Aufgabenstellung ist. Die damit erfolgte Orientierung an der kommunalen Kinoarbeit in Deutschland gipfelte einerseits in die Vorstandstätigkeit im Bundesverband der Kommunalen Kinos und andererseits in die Gründung des heute noch bestehenden Landesverbandes der Kommunalen Kinos. Mein wichtigster Meilenstein war dann aber natürlich mein beruflicher Wechsel 1999: Während ich bis dahin alle Kinokultur- und Verbandsaktivitäten rein ehrenamtlich absolvierte, wechselte ich nach 25-jähriger Berufstätigkeit als Banker in die MFG-Filmförderung. Von nun an erfolgte ein beständiges Lernen und Erforschen in sehr inspirierender beruflicher Partnerschaft mit meiner damaligen Chefin Gabriele Röthemeyer. Ich habe dies oft mit dem Bild eines Eisbergs beschrieben. Bis dato kannte ich nur die Spitze des Eisbergs, die aus dem Wasser ragt, die filmischen Ergebnisse, die den Zuschauerinnen und Zuschauern präsentiert wurden. Erst in der MFG beschäftigte ich mich mit den Voraussetzungen, Strukturen, politischen Bedingungen und so weiter, die vor der Öffentlichkeit verborgen sind; diese Öffentlichkeit, die aber die Spitze dieses Eisbergs ist, wenn sie Filme im Kino oder TV und heute natürlich auf vielen, vielen weiteren Abspielflächen rezipiert. Dazu zählen auch interdisziplinäre Grenzüberschreitungen, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht in andere Kulturwirtschaftsbereiche, aber auch als Querschnittseinflüsse in die Wirtschaft insgesamt, wie auch der Austausch an den Schnittstellen zu anderen künstlerischen Disziplinen. Diese unzähligen Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Möglichkeiten zu erkennen, die für eine Optimierung in der Umsetzung der gesellschaftspolitischen Aufgabenstellungen so extrem wichtig sind, war ein dauerhafter Fluss der Erkenntnisse, was mit der Statik eines Meilensteins nur schwer identifizierbar ist, aber eben diese unzähligen Meilensteinchen beinhaltet.“
Welche Premieren MFG-geförderter Filme sind Dir besonders in Erinnerung geblieben?
Dieter Krauß: „Oh Gott, das sind so viele starke Filme und schöne Erinnerungen. Baden-Württemberg hat ein breites Filmspektrum. In meiner Zeit beim Trickfilmfestival habe ich noch sehr viel mehr dazugelernt. Etwa die Stärken der Animation. Sie kann in der künstlerischen Kreativität Dinge, Charaktere und Szenerien so gestalten, wie es ein Realfilm niemals schafft. Der künstlerische Animationsfilm liegt für mich deswegen sehr viel näher an der bildenden Kunst als die bei anderen Filmgattungen der Fall ist. Auch das war eine spannende Erfahrung für mich.“
Welche DVDs holst Du immer wieder gerne zur Entspannung aus Deiner privaten Filmsammlung?
Dieter Krauß: „Natürlich sind es auch die Filme, mit denen für mich alles begann. Damals zeigte kein Kino in Villingen-Schwenningen die Filme von Luis Buñuel, Carlos Saura, Claude Chabrol oder François Truffaut. Auch DVDs von Robert Altman und Bob Fosse gehören zu meinen Favoriten. Altmans ‚The Last Radio Show‘, von Fosse ‚Hinter dem Rampenlicht‘ und ‚Cabaret‘.“
Wolltest Du auch einmal einen eigenen Film drehen?
Dieter Krauß: „Nie. Ich hatte nie Lust dazu. Ich bin kein verkannter Regisseur, aber zweimal stand ich vor der Kamera. Einmal mit bei Telemach Wiesinger mit Daniel Schmid in seinem Hotel Schweizerhof in Flims-Waldhaus, einem Weggefährten von Fassbinder, und im vergangenen Jahr in der Serie ‚Das Internat‘, da hatte ich eine kleine Sprechrolle als Fotograf. Aber: Ich war und bin ein leidenschaftlicher Cineast und Kinomacher – sicher aber kein talentierter Schauspieler. Es ist eine wunderschöne Erfahrung, dass man anderen ein Gefühl, eine Neugierde vermitteln kann, auch schwierige Filme gemeinsam anzuschauen, anschließend darüber zu reden und damit Erkenntnisse für das jeweils eigene Leben als Erlebnisse zu vermitteln. Auch dafür gibt es ein Publikum – muss es geben, das ist ein qualitativ wichtiges Lebenselixier für eine menschliche Entwicklung der Gesellschaft.“